
WISSEN · FÜHRUNG
Die Sache mit den Introvertierten
Die Kernthese vorweg: Der Lockdown hat eine Erfahrungswelt beschert, die extravertierte und introvertierte Mitarbeitende gleichmäßig auf der Bildfläche erscheinen lässt. Könnte sich das auch in Zukunft lohnen?
Lehren aus dem Lockdown
Unzählige Online-Meetings, Workshops, Seminare und Coachings haben gezeigt: Wir können auch in Distanz arbeiten. Nur fühlt es sich anders an. Nicht jeder vermisst den engen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Nicht jeder vermisst unproduktive Sitzungen, in denen er oder sie sich selten zu Wort gemeldet hat. Nicht jeder vermisst ein Umfeld, in dem Kollegen das Wort ergreifen, um zu reden, nicht um etwas zu sagen.
Andere fremdeln mit der digitalen Welt. Weil sie es nicht mehr erlaubt, den Raum zu dominieren, sondern über Technologie, Prozesse und Time-Boxes den Inhalt voranbringt statt der persönlichen Aufmerksamkeitsagenda.
Eine Persönlichkeitseigenschaft
Ob man eher zur einen oder anderen Gruppe zählt, entscheidet auch eine Persönlichkeitseigenschaft mit den beiden Polen Extraversion und Introversion. Persönlichkeit wird dabei als die Menge mittel- bis langfristig stabiler Unterschiede im Erleben und Verhalten verstanden. Die psychologische Forschung unterscheidet fünf Dimensionen, die sich in faktoranalytischen Studien stabil gezeigt haben: Ängstlichkeit, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Extraversion.
Im Auswahlverfahren
Introvertierte Persönlichkeiten fallen in Personalauswahlverfahren oft dadurch auf, dass sie in Gruppenaufgaben selten das Wort ergreifen. Nach einer Selbsteinschätzung gefragt, kommt häufig: „Die Gruppendiskussion lief super, unser Ergebnis ist gut, andere haben genau das gesagt, was auch ich auf dem Zettel stehen hatte.“
Solange die Leistung einer Gruppe gut ist, gibt es für introvertierte Menschen keinen Grund, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Für extravertierte schon. Sie glauben gerade gestorben zu sein, wenn sie sich selbst als mehr zuhörend denn redend erfahren. Sie stehen gern im Mittelpunkt, auch wenn es nichts zu sagen gäbe.
Es wird dann weniger um die Sache als um Aufmerksamkeit, Wirksamkeit und Wertschätzung gestritten.
Extra- und Introversion sind in sich weder gut noch schlecht, sie beschreiben die Pole eines normalverteilten Kontinuums. Introvertierte haben es schwerer, sich in einer Welt der Assessment Center und Offline-Dienstberatungen durchzusetzen. Sie fallen häufig nicht auf, außer durch Arbeitsergebnisse.
Was online anders ist
In Videokonferenzen ist der freie Raum, den Extravertierte zielsicher besetzen, schlicht nicht vorhanden. Es fehlen die Zwischenrufe und die Scherze. Breakout-Gruppen werden zufällig erstellt, Redezeiten in Time-Boxes verpackt, Entscheidungsfindung prozessual angelegt. Dominieren lässt sich auch online – in offenen Runden äußern sich immer noch dieselben Personen. Nur sind sie über den Tag verteilt weniger sichtbar.
Normal-Reloaded
Ist das gut oder schlecht? Es ist anders. Auf der Sachebene kommen solche Teams oft in kurzer Zeit zu guten Ergebnissen. Online-Konferenzen fehlt vieles, die Ergebnisqualität ist es nicht. Das legt nahe, etwas davon herüberzunehmen. Wie wäre es, wenn auch Meetings vor Ort sachorientierter abliefen?
Dafür ist nicht viel zu tun. Das nötige Wissen hat sich in Organisationen längst verbreitet. Agile ist eine Arbeitsform, die Introvertierte und Extravertierte gleichwürdig auf die Bühne treten lässt – und Hierarchie nach hinten.
Literatur: Lewis R. Goldberg (1990), An Alternative „Description of Personality“: The Big-Five Factor Structure, Journal of Personality and Social Psychology, 59 (6), 1216–1229.
FÜNF IDEEN FÜR MEETINGS
- Moderation. Dienstberatungen und Meetings sollten moderiert werden – nicht von der Person, die einlädt.
- Agenda und Time-Boxes. Eine Agenda haben und ihr auch folgen.
- Anfangsrunde. Nach dem Daily-Scrum-Prinzip: Jede Person stellt den eigenen Arbeitsstand kurz vor, zwei Minuten.
- Kleingruppen. Sie erhöhen Beteiligung und Redewahrscheinlichkeit. Sie lohnen sich ab etwa fünfzehn Beteiligten.
- Verschriftlichung und Visualisierung. Sie organisieren Aufmerksamkeit und enthierarchisieren. Ideen, die nebeneinander stehen, wirken gleichwürdig.
IM GESPRÄCH WEITERDENKEN